Allerlei und nichts

So, hier möchte ich meine 1. richtige Geschichte, vl hat sie es früher oder später sogar verdient Roman genannt zu werden, unterbringen.

Da sie noch nicht fertig ist, wird sie so oft wie möglich aktualisiert...


A Story

Für Pink und Lila
Mfg Rot


21.November

Ein kalter, wolkenverhangener Montag. Die meisten Angestellten des Pear Verlages haben es eilig nach Hause zu kommen, alle außer Alison Miller. Als sie gegen 18:30h ihr Büro in der 39. Straße verlässt beschließt sie sogar noch kurz ihre Mutter im Blue-Lake-Center zu besuchen, welches eine 20-minütige Autofahrt entfernt von ihrem Appartement in Manhattan liegt. Ihre Mutter wurde dort vor zwei Jahren untergebracht, nachdem sie einen Schlaganfall erlitten hatte.

Eigentlich hasste Alison diese Art von Besuchen; sie liefen nämlich immer in der gleichen Reihenfolge ab: Alison betritt das Gebäude, Mrs. McOhy (die Dame vom Empfang) begrüßt sie mit einem mitleidigen Blick, Alison steigt in den Lift, fährt in den 2. Stock, geht den Gang links hinunter und bleibt kurz vor der Tür mit der Nummer 29 stehen. Was passiert wenn sie die Tür öffnet könnten manche für einen schlechten Scherz halten doch für Alison war das ganze kein Spaß mehr. Werden Töchter meistens von ihren Mütter mit „Schön dich wieder zu sehen“ oder vielleicht sogar ein „Spätzchen, wie geht es dir?“ begrüßt, so kriegte sie mit viel Glück ein „Wer sind Sie, was wollen Sie von mir?“ zu hören. Infolge des Schlaganfalles erkrankte Amanda Miller nämlich an Alzheimer. Anfangs fand sie nur wiederholt ihre Brille oder andere kleine Gegenstände nicht mehr doch mit der Zeit konnte sie weder die Fernbedienung benutzen noch auf gestellte Fragen antworten. Als die Ärzte jene Diagnose stellten, änderte sich mit einem Schlag Alisons Leben ganz und gar. Und zwar im positiven Sinne. Manche Menschen werden jetzt denken, was für eine undankbare Frau oder so ein kaltblütiges Biest. Doch wer Amanda kannte, versuchte ihr (vor ihrem Schlaganfall – manche aber auch noch heute) aus dem Weg zu gehen oder war jedesmal verblüfft wie Alison es 28 Jahre lang mit ihr aushalten konnte. Amanda Miller hatte nämlich das Talent, den Menschen in ihrem näheren Umfeld systematisch jegliche Freude quasi auszusaugen und ihn psychisch fertig zu machen. Alison hatte ihr dies mittlerweile jedoch verziehen, allein der Gedanke daran, dass ihre Mutter sich nun nicht einmal mehr die Schuhe ohne Hilfe zubinden konnte, war Grund genug dafür.
Doch diesmal hatte sie Glück, der Therapeut, der 2x täglich mit ihrer Mutter Gedächtnisübungen machte, war gerade im Zimmer anwesend. „Abend, Alison“ – „Hallo Sebastian. Und wie sieht es aus?“
-„Sie hat heute schon richtig gute Fortschritte gemacht. Ihr fiel das erste Mal seit langem wieder mein Name ein. Oh tut mir leid…“ – „Schon gut, sie wissen gar nicht wie schön es sein kann, wenn einen die eigene Mutter nicht erkennt. Ach ja, hei Mum!“ „Entschuldigung, aber wie haben sie mich gerade genannt, junges Fräulein?“, fragte die, in die Jahre gekommene, einst nicht unansehnliche Frau, die nun etwas verunsichert auf einem Stuhl neben einem ungemachten Bett saß. „Ich sagte hallo Ma‘am“. Doch Amanda hatte schon wieder den sogenannten Faden zum Gespräch verloren. „Sebastian, ich möchte mich nun gerne ein wenig ausruhen, könnten sie die junge Dame bitte mitnehmen, wenn sie aus dem Zimmer gehen?“ Ja, das war die Art ihrer Mutter, in einem augenscheinlich harmlosen Satz hatte sie Alison wieder einmal „unbewusst“ verletzt. „Kein Problem, wir wollten sowieso gerade gehen.“, meinte Sebastian nur höflich. Also verließen er und Alison den Raum wobei es Amanda nicht lassen konnte Sebastian noch mit einem Lächeln zu zuwinken.

„Es tut mir leid, aber du weißt ja, dass ich nichts dafür kann, genau so wenig wie sie.“ – „Ach kein Problem, schon als sie noch wusste, dass ich ihre Tochter bin, wollte sie mich ständig demütigen.“ – „Dann kommen wir zu meiner eigentlichen Frage: Was machst du überhaupt hier?“ Stille und eine Träne floss ihr das Gesicht hinunter. Da nahm er sie ihn den Arm und küsste sie zärtlich. Jedesmal war es so wenn sie bei ihm war, er sagte einen Satz oder küsste sie einfach nur und auf einmal war die Welt wieder ein kleines bisschen besser. Wäre da doch nur nicht John, der zuhause sicher schon mit einem leckeren, selbstgekochten Abendessen auf sie warten würde…
Als sie sich wieder aus ihrer Umarmung lösten, beschloss sie alles was sie so beunruhigt hatte beiseite zu schieben und sich einen schönen Abend zu machen. „Vergiss es, hast du Lust auf etwas vom Chinesen?“ - „Na klar, du weißt doch, für acht Schätze plus dich bin ich immer zu haben.“ Hand in Hand gingen sie zum Lift, doch wie immer ließen sie einander wieder kurz bevor der Lift im Erdgeschoss ankam los. Wenn Mrs. McOhy von den Liebkosungen gewusst hätte, die der Therapeut und die Tochter seiner Patientin austauschten, so hätte jener seine Stelle an dem teuren Privatpflegeheim innerhalb weniger Stunden verloren. Doch ehrlich gesagt war Alison froh über die alte Lady. Denn seit ihre Mutter die ersten Therapiestunden hatte und sie und Sebastian sich öfters trafen, war irgendwie nie der richtige Zeitpunkt gekommen um ihm von John zu erzählen. Natürlich ahnte er, dass Alison nicht „alleine“ war doch alles in allem konnte er nicht über seine Situation klagen. Er hatte eine hübsche Freundin, die mindestens einmal im Monat über Nacht bei ihm blieb und notfalls würde er sie eben teilen. Alison nebenbei erwähnt, hätte es eigentlich auch geschafft, ihr schlechtes Gewissen ganz abzuschalten, wäre da nur nicht dieser seltsame Anruf von Carrey (ihrer besten Freundin überhaupt) gewesen.
Jene arbeitete nämlich in einem der, in Manhattan berühmtesten Juweliergeschäfte. Und dort hatte sie heute John getroffen. Genaugenommen hatte sie bei ihm sogar ihren halben Monatslohn eingenommen, durch einen Ring. Da Carrey natürlich von der Affäre mit Sebastian wusste, war ihr erster Gedanke Alison zu warnen…
Und schon war es wieder da, dieses schlechte Gewissen welches sie seit zwei Jahren doch schon so professionell zu verbannen gelernt hatte. Aber falls John ihr wirklich einen Antrag machen würde und sie waren nun ja schon schließlich seit fast acht Jahren ein Paar, so würde sie das erste Mal seit langem nicht wissen, was sie tun sollte. „Schluss mit den negativen Gedanken, Sebastian hat es nicht verdient unter meiner miesen Laune zu leiden“, beschloss sie und setzte ihr momentan bestes Lächeln auf. „So gefällst du mir schon besser“, kam prompt seine Reaktion. Und tatsächlich, als sie drei Stunden, einem leckeren chinesischen Essen und zwei Flaschen Wein später bei Sebastian zuhause im Bett lagen, hatte Alison ihre Ängste und Sorgen so gut wie vergessen.


22. November

Dienstagmorgen, 5:00h und Alison hat den, nun wahrscheinlich 1000. Kater ihres Lebens. Doch es bleibt keine Zeit zum ausschlafen. Um spätestens sieben Uhr muss sie im Verlag sein und, dass sie dort nicht im gleichen, verknitterten Outfit wie gestern auftauchen kann, ergibt sich von selbst. Den Zimtzicken würde sie keine Chance geben ihre nun eh schon wieder ziemlich miese Laune noch schlimmer zu machen. Aber abgesehen vom Bürotratsch drehten sich ihre Gedanken sowieso nur darum, ob John wohl noch „zuhause“ war oder besser gesagt, wie er wohl reagieren würde wenn er wirklich noch im Appartement ist und sie erst jetzt dort auftauchen würde. Sie setzt sich in ihr orangefarbenes Opel-Cabrio (Sondereinlieferung aus Europa) und schaltet das Autoradio ein. Einbisschen Musik hat noch niemandem geschadet, dachte sie jedenfalls… „…Only time…“, seufzt es aus dem Radio. „Verdammt muss den ausgerechnet jetzt Enya laufen? Bin ich denn nicht schon genug deprimiert?“ Mit schon fast zitternden Händen sperrt sie fünf Minuten später die Wohnungstür auf und – verdammt! Zu allem übel sitzt John ziemlich angefressen und mit seiner für ihn typischen in Falten geworfenen Stirn auf der Couch.
Mit einem :„Morgen, Schatz...“, versucht sie die Situation aufzulockern, doch alle Versuche den Hals aus der Schlinge zu ziehen sind wahrscheinlich alleine schon wegen jenen zwei Wörtern zum Untergang verurteilt. „Morgen, Schatz!“, äfft er sie nach, „Hast du gut geschlafen, Schatz?!“. Alison weiß, dass sie jetzt in den sauren Apfel beißen muss (welchen sie sich ja auch selbst eingebrockt hatte) doch trotzdem schmerzte sie jedes mit so viel Boshaftigkeit ausgesprochene „Schatz“ ihres Johns. Wie konnte sie nur befürchtet haben, dass dieser Mann sie heiraten wollte? Anstatt sich überhaupt erst irgendeine Geschichte auszudenken wo sie die Nacht verbracht hatte, geht sie einfach ohne ein Wort in die Küche und macht sich einen Kakao. Was sie dort vorfindet sieht nicht nur wie der Einschlagspunkt einer Bombe aus sondert riecht höchstwahrscheinlich auch genauso. Auf der Theke liegt ein Topf in dem etwas schwarzes Schrumpeliges ist, dass vermutlich zu seiner besten Zeit ein feines Stück Filet gewesen war. Von den 100 anderen Töpfen mit den verschiedensten Beilagen und Vorspeisen als Inhalt wendete Alison ihren Blick lieber schnell ab. Dieser bleibt dafür auf einer kleinen, samtenen Schatulle hängen die scheinbar achtlos neben dem ‚Tatort’ abgelegt worden war. Konnte das möglich sein? Sie rieb sich kräftig die Augen und fragte sich wie sie nur in diese hoffnungslose Situation geraten konnte. John kam nun herein, besser gesagt er blieb im Türrahmen stehen. „Das is’ oder eigentlich… war für dich.“, murmelte er. - Verdutzt schaute sie ihn nun an und versuchte so ahnungslos wie möglich zu wirken. - „Dachte ich koch uns ein leckeres Abendessen, hab von Antonio sogar zwei schweineteure Flaschen Wein geholt…“ Doch Alison gab immer noch keinen Mucks von sich. „Mensch Ally! Um Himmelswillen, wer ist hier die Frau in der Beziehung? Wir hatten gestern unseren achten Jahrestag!“ Langsam dämmerte ihr, dass sie ahnungsloser gewesen war, als sie versucht hatte zu scheinen. Da hatte sie sich einen schönen Schlammassel eingebrockt. An ihrem achten Jahrestag wusste sie natürlich wieder einmal nichts Besseres als mit ihrer Affäre den Abend zu verbringen während John zuhause wartete. An einem anderen Tag wäre es ihr wahrscheinlich nicht so schlimm vorgekommen. Im Gegenteil, langsam hatte sie sich daran gewöhnt 1-2 Mal im Monat nicht nachhause zu kommen und am nächsten Tag dann ihren besten Freundinnen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Da John Alisons Trinkgewohnheiten kannte, wunderte er sich nicht mehr darüber wenn sie behauptete wiedereinmal bei Carrey oder June eingeschlafen zu sein. Doch diesmal konnte oder eigentlich wollte er es nicht mehr glauben. Deshalb sagte er: „Bevor ich dir die Frage stellen kann und du mir dann eine Antwort gibst, sag mir wo du heute Nacht warst. Aber ich will die Wahrheit wissen.“ Konnte man eigentlich in eine verzwicktere Lage kommen? Natürlich liebte sie John oder hatte es jedenfalls einmal getan, doch das, was sie für Sebastian empfand hatte sie davor noch nie gefühlt. Nein, wenn sie jetzt nicht zu John ehrlich war würde er sie fragen, sie mit höchster Wahrscheinlichkeit „Ja“ sagen und früher oder später würden sie dann auch Kinder bekommen. Und eines wusste Alison genau, sie würde ihren Kindern so etwas nie, niemals antun. Sie selbst wuchs nämlich ohne Vater auf da jener sich damals für seine Freundin in Kalifornien entschieden hatte, während ihre Mutter in Manhattan und im vierten Monat schwanger, zurückblieb. Es musste nun Schluss sein mit der ganzen Lügerei und vor allem Betrügerei. Doch anscheinend hatte sich John während ihrer Denkpause schon seine Meinung gebildet. „Verdammt, ich wusste es. Wieso Alison? Nein, ich will das eigentlich gar nicht wissen. Vergiss es. Werde glücklich mit ihm. Wie konnte ich nur so dumm sein, dachte mir, warte auf den richtigen Moment. Wenn du ihr den Antrag machst, wird vielleicht alles wieder wie früher. Obwohl, ich weiß schon gar nicht mehr wie es sich damals angefühlt hatte, als es für dich und mich nur ein ‚uns’ gab. Lebe wohl Alison Miller.“ Bevor sie überhaupt etwas sagen konnte war er schon aus der Wohnung draußen. Wenige Sekunden später hörte sie auch schon seinen Geländewagen anspringen und davon fahren. Kein Geräusch war mehr zu hören. Als ob niemand mehr außer ihr auf der Welt wäre. Selbst auf der Straße hörte sie kein einziges Auto. So fühlte es sich also an wenn man die, vielleicht einzige, wahre Liebe verloren hatte. Alison hatte sich früher ausgemalt, dass falls es jemals soweit kommen würde, sie sich fühlen würde als ob sie keinen Boden mehr unter den Füßen hätte und das sie keine Luft mehr bekommen und am liebsten sterben würde. Doch das was sie jetzt, genau in diesem Moment fühlte, erinnerte sie mehr daran wie die Zeit als sie fünf war und ihr Hund Bruno gerade gestorben war. Sie war zutiefst traurig und doch wusste sie als Fünfjährige damals schon, dass das Leben weiter gehen würde. Das war der so ziemlichst einzige Vorteil an einem Leben mit ihrer Mutter gewesen, sie hatte von Anfang an keine allzu großen Erwartungen an die Welt gestellt und auch mit solchen „Niederlagen“ gerechnet. Aber was nun, sollte sie aus Anstand vor John zuhause bleiben und sich die Augen ausweinen? Oder einfach zur Arbeit gehen und so weiter machen wie immer? Am Ende entschied sie sich für eine Zwischenlösung, sie entschuldigte sich bei der Arbeit (June Alasky war nicht nur ihre zweite beste Freundin sondern praktischerweise auch die Personalchefin des Verlages) und fuhr zu Sebastian.
Als ob es das Schicksal nämlich so gewollt hätte, war heute sein für diese Woche einziger freier Tag…


23. November

Als Alison an diesem Morgen aufwacht, regnet es draußen wie aus Eimern. Kraftlos dreht sie sich noch einmal um, doch mit weiterschlafen ist nichts. Denn auch wenn ihre Woche nicht besonders toll begonnen hatte und es nicht nach einer baldigen Besserung aussah, musste sie früher oder später wieder ins Büro gehen, also warum das Unvermeidbare hinauszögern.
Lea Rhone und Selena Prolozk, die wahrscheinlich dümmsten Geschöpfe auf dieser Welt aber leider zu gleich auch die persönlichen Assistentinnen des Verlagchefs, saßen schon tratsch bereit an ihren Schreibtischen. Wären diese nicht gerade direkt gegenüber von Alisons Büro gewesen, (welcher Idiot hatte bloß die wahnsinnige Idee von Glaswänden?) hätte sie vielleicht den Tag halbwegs heil überstanden. Doch sie war noch nicht einmal richtig aus dem Fahrstuhl heraus, als die zwei über sie herfielen. „Ach Ally Schätzchen… Du arme Maus. Wir haben es schon von Edward aus der Druckabteilung gehört,… Du weißt schon, die Tragödie wegen John und eurer geplatzten Verlobung!“, prasselte der Wortschwall aus ihren Mündern heraus. Wie konnten sich solche intimen Angelegenheiten nur immer so schnell verbreiten, doch noch mehr interessierte sie, was die zwei wohl von ihrem „tragischen“ Ableben halten würden, wenn Alison sie eines Tages beseitigen würde. Seit ihrem ersten Tag malte sie sich nämlich immer wieder aus, wie sie die Plaudertaschen an den Hälsen packen und aus dem Fenster werfen würde. Aber Schluss mit solchen Gedanken, solang Mr. Micael, der mehr Brüste als Bücher in seinem Kopf hatte, ihr Chef war, würde sie sich wohl mit Lea und Selena abfinden müssen. Denn ehrlich gesagt, konnte Alison sich keinen schöneren Job als Lektorin im Pear Verlag vorstellen.
Dutzende, für eine Lektorin ziemlich karge Ausreden und Beschwichtigungen später, saß sie ziemlich geschafft aber glücklich darüber aus der Situation entkommen zu sein, hinter ihrem Schreibtisch. Leider fand sie auf ihm jedoch nur zwei Groschenromane, eine schon etwas vielversprechendere Biografie und einen Reiseführer über Grönland. Was ist bloß los mit den jungen Menschen heutzutage, kann den keiner mehr Geschichten schreiben, die wenigstens etwas tiefgründig sind und sich nicht nur um die zwei S (Sex und Shopping) drehen? Wo waren bloß die Tolkien‘s, Schami‘s, Funke‘s, Rowling‘s, Leon‘s und sonstigen (leider aus Platzgründen nicht alle aufzählbaren) talentierten Schriftstellern dieser Zeit geblieben? Natürlich hatte sie nichts gegen eine oberflächliche und kurze ‚Lektüre‘ für den Urlaub, aber alles in allem war Alison einfach ein Fan von „dicken Schmökern“, die am besten schon mehrere Fortsetzungen hatten. Es gab für sie nichts Schöneres als in einer anderen Welt einzutauchen und dort für eine Weile zu verharren.
Doch das sozusagen dickste Buch, das ihr in den letzten sechs Monaten auf den Tisch kam, war eine 300 Seiten Fan-Fiction, die von zwei Jugendlichen „Dr. House“ Fanatikerinnen geschrieben wurde. Zu ihrem Erstaunen musste Alison jedoch zugeben, dass die beiden Potenzial hatten. Aber leider war auf dem momentanen Büchermarkt kein Platz für etwas Derartiges und zum anderen wären die Schwierigkeiten mit den Serienschöpfern zu groß geworden. In einem dreiseitigen Brief hatte Ally aber die Mädchen dazu ermutigt weiter zu schreiben und versprochen sich zu melden, falls es jemals eine reale Chance für Fan-Fictions geben würde.
Pünktlich um 13 Uhr war Alison fertig mit der Grobkorrektur der beiden (nennen wir sie fürs Erste) Romane. Ihr Magen knurrte schon wie verrückt und sie hörte sogar Selena sagen: „Liebeskummer, schon klar aber deswegen muss sie doch nicht gleich mit ihrem Knurren das Gebäude zum einstürzen bringen“. So sehr sie die Chefassistentinnen auch verabscheute, diese Aussage brachte sie zum kichern. Es löste sogar eine richtige Lachsalve aus. Doch dieser folgte sofort eine Heulattacke. Verdammt, ich benehm mich schlimmer als die Tanten in diesen Schundromanen. Doch im selben Moment wurde vom Himmel ein Engel namens June Alasky geschickt. Denn jene zog Alison kurz bevor jemand ihren Weinkrampf bemerken konnte, in eine Besenkammer. „Oh Gott, Ally. Ist es wirklich so schlimm? Kopf hoch und denk daran, dass du doch noch deinen Mister Right, besserbekannt unter dem Namen Sebastian, hast.“ Das war typisch June, die „Sex and the City“ besessene, absolut immer fröhliche und nie ratlose Frau. Und genau so jemanden brauchte sie jetzt. „Soll ich dich den Rest der Woche krankschreiben lassen? Du weißt, ich muss nur ein paar Tasten versehentlich ‚falsch‘ drücken und schon heißt es nur noch: Alison und ein paar Flaschen Wein.“ Okay, das war jetzt einer der wenigen Ratschläge, die man nur mit Vorsicht genießen durfte. Wenn sie sich richtig erinnerte, wäre sie das letze Mal nach so einem Tipp beinahe in ihrer eigenen Badewanne ertrunken, da sie nach vier Flaschen Bordeauxwein dachte sie wäre ein Fisch. Nein, so etwas würde ihr nicht wieder passieren, hoffte sie jedenfalls inständig.
Einige Minuten und ein ziemlich befreiendes Gespräch später, verließen die beiden Frauen die Kammer wieder und gingen in ein nahegelegenes Restaurant. Egal wie aussichtslos einem der Tag schien, für einen Cheeseburger mit Fritten und fürs schlechte Gewissen einen Gartensalat dazu, war in ihren Mägen immer Platz.
Das drei Tische weiter, gewisse Assistentinnen saßen, übersahen sie heute einfach mal.

Den Nachmittag verbrachte Alison dann damit, dass sie mit den Autorinnen der Groschenromane ihre Erstlinge besprach. Jene waren sogar kooperativer als gedacht. Gegen Feierabend war ihre Laune sogar wieder relativ gut. Doch als Alison ihr Appartement betrat, bemerkte sie sofort, dass John dagewesen war. Wenn dieser Mann etwas konnte, dann war es eindeutig nichts anbrennen zulassen. Er hatte alle und zwar wirklich alle seine persönlichen Sachen sowie seine geliebte Keramik-Obstschale und das (natürlich nicht originale) Picasso-Bild, welches im Wohnzimmer hing, mitgenommen. Vielleicht besser so, dachte sie mit einem Hauch von Melancholie. Wenn sie jedoch ehrlich über die letzten Jahre ihrer Beziehung nachdachte, fand sie es fast lächerlich, dass John dachte er könnte jene mit einem Antrag retten und befand dass es eigentlich so enden hatte müssen. Natürlich wusste Alison dass das Scheitern schlussendlich an ihr gelegen hatte und er wirklich nichts dafür konnte, doch irgendwie war er in ihren Augen trotzdem nicht ganz unschuldig. Schließlich, so lächerlich es auch klingt, hätte er um sie kämpfen können. Doch nein, er packt einfach seine Sachen und beschließt aus ihrem Leben zu verschwinden. Ally war beinahe gekränkt darüber, dass er sie dem Geliebten ohne Szene überließ. Wenn schon eine 0800 - Liebesgeschichte, dann aber bitte eine mit allem Drum und Dran.
Trotz dieser ernüchternden, völlig unromantischen Erkenntnis, machte sie sich noch einen netten Abend mit einer Flasche Wein (für June) und einem Fertig-Reisgericht aus dem Supermarkt.


24. November

Donnerstagabend, gegen 19 Uhr, Alison ist wieder einmal unterwegs zum Pflegeheim ihrer Mutter. Irgendwie hatte es einfach etwas befreiendes, wenn man sah das es anderen auch ‚schlecht‘ bzw. schlechter ging als einem selbst. Natürlich spielte der Hintergedanke, Sebastian dort zufällig zu treffen auch eine mehr entscheidendere als kleine Rolle. Seit sie vorgestern bei ihm gewesen und ihm von der Beziehung mit John und deren Ende erzählt hatte, war es verdächtig still um ihn geworden. Keine einzige SMS geschweige denn eine E-Mail hatte sie von ihm bekommen. Sicher, Alison wusste schon vorher, dass er über die Eröffnung, er sei seit zwei Jahren ihre Affäre gewesen nicht gerade erfreut sein würde, doch seine tatsächliche Reaktion war dann ganz anders ausgefallen als sie es sich vorgestellt hatte. Genaugenommen beschränkte sie sich nämlich auf: „Irgendwie hatte ich das schon befürchtet“ und „Lass uns darauf hin ein, zwei Flaschen Wein aufmachen“. Im Endeffekt wurden es dann doch drei und was Alison betraf, war sie anschließend mehr durch den Wind als zuvor. Die ganze Sache war ihr einfach viel zu kompliziert geworden. Sie beschloss nun, ruhig zu bleiben und Sebastian auf alle Fälle nicht unter Druck zu setzen. Sie wollte ihn schließlich nicht auch noch verlieren. Leider hatte Alison aber nichts außer ihrer Arbeit um sich abzulenken und diese war momentan ja nicht gerade sehr ausgiebig. Wahrscheinlich beschloss sie auch aus diesem Grund, ins Blue-Lake-Center zu fahren. Diesmal hatte sie sogar Glück, denn der Empfang war unbesetzt. Mrs. McOhy holte sich bestimmt wieder einen Kaffee. Wenn diese Frau einen Fehler hatte, dann war es ihr Kaffee-Tick. Geschätzte acht Tassen trank diese nämlich täglich. Schnell ging Alison nun zum Lift. Als dieser endlich ankam, blieb ihr das Herz stehen. Jener beherbergte in seinem Inneren eine bleiche Mrs. McOhy und Sebastian, die begleitet von zwei Sanitätern um ein Krankenbett gebeugt waren. Darin lag, wie könnte es anders sein, ihre Mutter. So sehr sie jene auch immer gehasst hatte, Amanda in diesem Zustand zu sehen, ließ ihr die Tränen in die Augen schießen. „Sebastian, was ist passiert, was hat sie? Verdammt, kann mir keiner sagen was hier los ist?“, schrie sie verzweifelt, als sie die blutüberströmte Bettdecke bemerkte. „Alison, sie hat… Sie hat versucht… Wir müssen so schnell wie möglich ins Krankenhaus mit ihr.“ Konnte er denn nicht einmal sagen was los war ohne so rum zu drucksen? Mrs. McOhy jedoch schien sich, etwas beruhigt zu haben, sei es auch alleine um Alison nicht noch nervöser zu machen und nahm diese kurzerhand beiseite. „Kindchen, lass die Sanitäter vorbei, ich fahre dich ins Spital und erzähle dir alles auf dem Weg.“ Bevor sie nur irgendetwas erwidern konnte, saß sie auch schon in einem blauen Geländewagen der direkt hinter dem Krankenwagen herfuhr. Irgendwie kam ihr alles wie ein schlechter Traum vor. Doch bevor sie auch nur die Hoffnung hatte aufzuwachen, fing Mrs. McOhy, die noch nie eines ihrer Versprechen gebrochen hatte, an ihr mit zittriger Stimme zu schildern was anscheinend passiert war. „Silviane, die Köchin, hatte sich heute kurz vor Halb Sechs übergeben und deshalb hat sich alles etwas verschoben. Schließlich konnte ich sie doch nicht in diesem Zustand weiterarbeiten lassen – ich habe sie sogar nach Hause gefahren. Wahrscheinlich war das der ausschlaggebende Punkt für den Beginn dieser Misere. Kurze Zeit später muss dann nämlich den zwei diensthabenden Pflegerinnen auch schlecht geworden sein. Eine verdammte Magengrippe geht momentan ja um. Trotzdem blieben die meisten Patienten in dieser Zeit ruhig in ihren Zimmern oder vertrieben sie sich sogar mit Gesellschaftsspielen im Aufenthaltsraum, alle außer ihrer Mutter. Sie muss das Ausfallen der Pflegerinnen als Glücksfall angesehen und den Moment der naja, Freiheit genutzt haben. Wahrscheinlich hatte sie schon seit längerem an diesem ‚Plan‘ gearbeitet. Wir vermuten jedenfalls, dass sie sich in die Küche schlich und von dort ein Messer mitnahm. Als Sebastian gegen Viertel nach Sechs kam und die Missstände bemerkte, sah er nur kurz im Aufenthaltsraum nach dem Rechten und kümmerte sich dann auch zuerst um das krankgewordene Personal. Als er um Viertel vor Sieben schließlich durch die Zimmer ging, fand er Amanda mit aufgeschnittenen Pulsschlagadern vor... Natürlich versuchte er sofort die Blutung zu stillen, ich traf gerade ein als er das Nötigste getan hatte und um Hilfe zurufen begann. Ich verständigte sofort die Rettung als ich grob wusste was los war...“ Alisons Magen fing sich an zu drehen. Wie konnte es nur passieren, dass ihre, IHRE Mutter, die nicht fähig war sich an die eigene Tochter zu erinnern gleichzeitig Selbstmordpläne schmiedete. Irgendetwas schien momentan gewaltig schiefzulaufen und langsam aber sicher wurde Alison sich bewusst, dass sie das Problem an der ganzen Geschichte sein musste. Neben dem Gefühl des Versagens stellte sich aber auch wieder die altbekannte Wut gegenüber Amanda ein. Wie konnte sie nur? Vor allem aber, warum bezahlte sie eigentlich einen Haufen Geld für eine Rundumbetreuung ihrer Mutter, wenn es für diese anscheinend so ein leichtes gewesen war an eine potenzielle Mordwaffe zu kommen. Klar, der Zufall, falls es so etwas wie diesen gab, spielte natürlich dieses Mal mit, doch alle logischen Gründe und möglichen Erklärungen waren wie aus ihrem Kopf gebannt. „Keine Angst, ich bin mir sicher, dass der Notarzt momentan alles Mögliche für ihre Mutter tut und sie mit aller ärztlichen Hilfe rechnen kann, die es gibt.“ Anscheinend schien Mrs. McOhy ihr Schweigen für eine verzweifelte, ratlose Stille aus Angst um Amanda gehalten zu haben. Irgendwie lag sie da zwar auch nicht ganz so falsch, doch diese fast leichtfertig ausgesprochenen Worte, halfen ihr beim Finden einer Lösung für dieses schwerwiegende Problem nicht besonders weiter…

Immer noch 24. November

„Zeitpunkt des Todes – 19:59 Uhr. Schwester informieren sie bitte die Tochter der Verstorbenen, eine gewisse Alison Miller, sie ist im Warteraum 3b.“


25. November

Schweißgebadet wachte Alison auf. Ein Blick auf die Uhr verrät ihr, dass es erst halb Vier ist. Langsam lässt sie ihren Kopf wieder auf das Kissen fallen. Angestrengt versucht sie herauszufinden ob alles nur ein kranker Alptraum war doch je länger sie so daliegt und nachdenkt, wird ihr bewusst was gestern geschehen war. Ihre Mutter hatte sich mit einem Küchenmesser die Pulsschlagadern aufgeschlitzt, wurde ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb dort dann innerhalb kürzester Zeit. Stille und eine eigenartige Leere in ihrem Kopf. Es kam ihr so seltsam vor, zu wissen, dass sie keine ’Familie’ mehr hatte. Eine junge, brünette Schwester war einfach aus dem Zimmer in dem ihre Mutter behandelt wurde heraus gekommen und sagte ihr mit allem nötigen Beileid, dass sie alles versucht haben aber die Schnitte zu tief gewesen und Amanda leider zu spät gefunden worden wäre als das überhaupt noch eine Chance bestehen hätte können. Anschließend war Alison weinend zusammengebrochen und Sebastian musste sie eine Weile festhalten bevor sie wieder die Kraft zum selbständig sitzen hatte. Als ihr angeboten wurde noch einen letzten Blick auf ihre Mutter zu werfen, lehnte sie bestimmt ab und bat Sebastian sie sofort nach Hause zu bringen. Jener tat dies dann auch und wollte sogar noch über Nacht bei ihr bleiben. Aber wenn Alison eines wusste, dann das sie jetzt Zeit für sich alleine brauchte. Der einzige, ‚beständige’ Teil in ihrem Leben war fort. Trotz all der Gemeinheiten, die ihre Mutter ihr angetan hatte, sie hätte alles gegeben um sie nun wieder zu haben. Das einzigste Positive in ihr war nur noch der Gedanke, das sie ihre Beziehung zu Sebastian wenigstens nicht mehr vor Mrs. McOhy (die sie jetzt beim Vornamen, Simone, nenne durfte) geheim halten musste. Falls sie jene überhaupt noch einmal wieder sehen würde. Schließlich gab es jetzt ja keinen Grund mehr zum Blue-Lake-Center zu fahren, außer um Sebastian vielleicht mal abzuholen. Aber all das spielte nur eine kleine Nebenrolle in dem tragischen Stück das momentan Alisons Leben darstellte.
Sowieso würde nun einiges auf sie zu kommen: einen Bestatter finden, die Beerdigung planen, eine Grabstätte kaufen und all die vielen anderen Sachen die in solchen Fällen zu erledigen sind…

Vier Stunden später klingelt es an ihrer Wohnungstür. Davor stehen Carrey und June. Sie haben Frühstück mitgebracht: frische Brötchen, Croissants, Muffins, eine Kanne Kaffee und eine Kanne Kakao für Alison. An ihren mitleidigen Blicken erkennt sie, dass es kein Zufall ist der die beiden heute zu ihr treibt. „Sebastian hat uns angerufen und gemeint du könntest jetzt vielleicht etwas Gesellschaft vertragen“, erklärt Carrey mit belegter Stimme. Bevor sie etwas antworten konnte nahm June sie in den Arm: „Keine Angst, wir sind ja da und werden dir helfen. Du bist nicht alleine!“. Tränen der Rührung strömen ihr wie Bäche aus den Augen. „Danke, ich wüsste echt nicht was ich ohne euch tun würde.“ Weitere drei Stunden später hatte Carrey ein renommiertes Bestattungsunternehmen beauftragt und June eine Grabpartzelle mit wunderschöner Aussicht auf die City gefunden. Alison hingegen wurde von den beiden zwecks Entspannung in die Badewanne verbannt und musste sich anschließend herrichten und anfangen ein gutes Buch zu lesen. „Du darfst dich jetzt nicht hängen lassen. Dein Leben geht weiter mit dem Unterschied das du Amanda jetzt nicht mehr besuchen musst. Was eigentlich sowieso zu viel des Guten war, da sie dich ja nie erkannte“, beschlossen June und Carrey einstimmig. Als sie abends dann jedoch noch mit ihr einen trinken gehen wollte, streikte sie und behauptete sie möchte das Buch weiterlesen, welches sie ihr ja schließlich aufgezwungen hatten. In Wirklichkeit sah Alison sich aber vom Bett aus nur Filme der 50er Jahre im Fernsehen an und stoppte diese nicht mal um das Telefon zu beantworten. Dies lag aber nicht daran das sie so auf jene Relikte der Vergangenheit stand, sondern wollte sie nicht noch mehr Beileidsbekundungen über sich ergehen lassen (da halb New York schon vom Tod ihrer Mutter erfahren zu haben schien).


26. November

Samstagvormittag, 9:00 Uhr. Alison, June, Carrey und Sebastian stehen auf dem städtischen Friedhof. Es ist eiskalt und voll. An die 50 Menschen, aus dem Verlag, dem Blue-Lake-Center und all den Vereinen denen Amanda vor ihrem Schlaganfall angehört hatte hatten sich am Ort ihrer letzen Ruhestätte versammelt. Ob jene aus wirklicher Trauer oder nur aus Anstand gekommen waren, vermochte Alison nicht zu beurteilen. Jedenfalls war sie gerührt das so viele Menschen Anteil nahmen. Der Pater hatte die Messe kurz aber würdevoll gehalten. Als Ally nun die erste Schaufel Erde auf den Sarg ihrer Mutter schaufelte (dies war seltsamerweise laut Testament deren letzter Wunsch gewesen) fing es an zu schneien. Das hätte Amanda bestimmt gefallen, der Winter war ihre Lieblings - Jahreszeit gewesen. Weil der Schnee die Welt mit einem weißen Mantel der Stille bedeckte und alles friedlicher schien, sagte sie oft zur Weihnachtszeit. Irgendwie kamen Alison nun die wenigen schönen Stunden die sie gemeinsam verbracht hatten magisch und unwirklich vor. Lauter Kleinigkeiten wie das gemeinsame Kekse backen etc. fielen ihr ein, auch wenn diese fast immer mit Streitereien verbunden gewesen waren.
Gegen 12:00 Uhr traf sich dann ein ausgewählter Rest der Anwesenden, ca. zwölf Leute inklusive Alison, ihrer besten Freundinnen und natürlich Sebastian im „Restaurant du Marais“, etwas außerhalb von Manhattan. Dort aßen sie gemeinsam zu Mittag und sprachen über die alten Zeiten. Ally empfand dabei das Ganze zwar eher als Pflichttermin doch beklagte sie sich nicht. Schließlich hatten ihr diese Menschen alle geholfen.
Nachdem sie alle (außer Alison) den obligatorischen Kaffee getrunken und anschließend bezahlt hatten, verabschiedete sie sich schnell und fuhr nach Hause.
Den Rest des Tages wollte sie nun wieder alleine verbringen.


27. November

Ziemlich fertig, aber irgendwie von einer schweren Last befreit, wachte Alison an diesem Morgen auf. Andere Menschen hätten wahrscheinlich bei so viel Aufregung in kürzerster Zeit kapituliert, doch genau diese lies Ally eine Stärke entwickeln, welche sie selbst etwas beängstigte. Jedenfalls beschloss sie, ihr Leben komplett umzugestalten und alles von nun an besser zu machen. Der erste Schritt zu dieser sogenannten „Besserung“ begann damit, dass sie (so unpassend es in diesem Augenblick auch scheinen mag) ihre Steuererklärung für dieses Jahr machte, die Wohnung anschließend komplett ausmistete und in allen Ecken und Ritzen putzte, die einem nur in den Sinn kommen konnten. Anschließen beschloss sie auch noch auf ihrem Rechner für Ordnung zu sorgen. Nach der Festplatte kam ihr E-Mail-Account dran. Dabei fand sie sogar drei neue Mails. Die erste war ein Youtube-Video, welches ihr Carrey weitergeleitet hatte (ein „neu entdeckter“ Fernsehauftritt von The Who in der Smothers – Brothers - Show aus dem Jahr 1967, was sollte ihr dieser The Who Freak auch sonst schicken?). Die zweite Nachricht entpuppte sich als Einladung für ein Lektorenessen mit den Verlagsbesitzern Mr. Micael Junior und Senior. Seltsamerweise, hatte sie in den zehn Jahren, die sie nun schon für den Verlag arbeitete, noch nie zuvor den Seniorchef gesehen. In den ersten zwei Jahren war sie übrigens, natürlich noch keine Lektorin gewesen, sondern die Sekretärin von Samantha Whones; einer seit Urzeiten schon angestellten Lektorin, die damals Mitte 50 war, und in dieser Zeit dann auch Allys Riecher für „lesenswerte Lektüre“, wie sie sich stets ausdrückte, entdeckte. Das erste Mal seit langem jedenfalls war sie nun ernsthaft am Grübeln, ob sie auf dieses, ansonsten von ihr gehasste, jährliche Zusammentreffen mit den Kollegen gehen sollte. Aber der Termin dafür war laut E-Mail erst auf Ende Dezember angesetzt, also hatte sie noch etwas Zeit zum Überlegen. Die letzte Nachricht, war dann zu ihrem Erstaunen, von Sebastian. Ihr Inhalt lies sie jedoch beinahe vom Stuhl kippen:

„Liebe Alison!
Ich weiß, die letzten Tage waren für dich ganz und gar nicht einfach, doch trotzdem oder gerade deswegen, denke ich das es besser wäre, wenn wir uns vielleicht die nächste Zeit nicht mehr treffen. Ich brauche Zeit für mich und um mir über einige Dinge klar zu werden. Deswegen werde ich auch die Stadt für eine Weile verlassen. Bitte versuche nicht mich zu finden…
In ewiger Liebe
dein Sebastian“

Verdammt, was sollte das nun wieder heißen? War sie ihm nun endgültig zu verkorkst geworden, sodass er beschloss das Weite zu suchen? Doch irgendwie wusste sie, dass es an etwas anderem liegen musste. Vor allem weil er eigentlich wissen sollte, dass sie ihn genau wegen dieser schweren Zeit mehr als nur brauchte. Nein, irgendetwas schien faul an der Sache zu sein. Doch was konnte sich, dieser vorbildliche Mann zur Schuld gekommen lassen haben?
Alison war mehr als nur verwirrt und beängstigt darüber, dass es anscheinend etwas so gewichtiges gewesen sein musste, dass Sebastian nichts anderes wusste als die Stadt, womöglich sogar die Vereinigten Staaten zu verlassen. Mehr jedoch bedrückte sie fast der Gedanke, dass er nicht offen darüber mit ihr sprechen können hatte. Außerdem lies sie jenes „in ewiger Liebe“ irgendwie darauf schließen, dass aus der „nächsten Zeit“, „für immer“ werden könnte. Als sie dann jedoch beim Versuch, ihm eine Antwort zu schicken, die Fehlermeldung „Adresse des Empfängers existiert nicht mehr“ bekam, wurde ihr schlecht vor Sorge. So ein Verhalten hatte Alison bisher nie bei einem Menschen gesehen. Dann passierte jedoch selbiges auch noch bei seinem Haustelefonanschluss sowie seinem Mobiltelefon. Alison wusste nicht mehr weiter und legte sich ganz entkräftet in ihr Bett. Dort fiel sie dann wenige Sekunden später in einen unruhigen Schlaf.


28. November

Montagmorgen, 5:30h, der Himmel ist von Wolken bedeckt und draußen scheint alles noch still und friedlich. In Chicago findet ein Zeitungsjunge jedoch etwas Grauenhaftes vor. Auf seiner Tour entlang des Illinois entdeckt er am Ufer eine Männerleiche.
Binnen einer halben Stunde sind die Polizei und das CSI vor Ort. Der Leichnam trieb laut ersten Angaben der Gerichtsmedizinerin schon seit mehreren Tagen im Wasser herum. Genaueres, sowie seine Identität ließen sich jedoch noch nicht feststellen, da er keine Geldtasche sowie Papiere bei sich zu tragen scheint.

Im gut 500km entfernten Manhattan und erst eine Stunde später wacht Alison noch ahnungslos in ihrem Appartement auf. Während der Fahrt zur Arbeit beschließt sie dann, am Abend eine Notstandssitzung mit June und Carrey bezüglich Sebastians Verschwindens abzuhalten. Gegen neun Uhr kommt jedoch Mr. Micael Junior persönlich in ihr Büro und bittet sie ihm unauffällig zu folgen. Er macht auf Ally einen mehr als nur bedrückten Eindruck und es beschleicht sie ein Gefühl, dass nichts Gutes auf sie warten kann. Mittlerweile haben sie das Verlagsgebäude verlassen und steigen in den Fond einer schwarzen Limousine, die anscheinend schon auf sie gewartet hatte. „Mr. Micael, was ist los?“ bricht sie das Schweigen.
Doch diesem scheint es schwer zu fallen, eine Antwort zu geben. Nach ein zwei Minuten beginnt er dann aber doch zitternd zu erzählen: „Ich wollte es eigentlich nicht bekannt machen und aufgrund ihres familiären Trauerfalles sind sie wahrscheinlich auch nicht gerade die ideale Person um sie damit zu belasten, doch mein Vater verschwand vor 1 ½ Wochen.“ Alison weiß nicht was sie dazu sagen soll, Mr. Micael lässt ihr aber auch gar keine Zeit dazu. „Jedenfalls,“ fährt er fort, „haben sie, die Polizei, heute den Fund einer männlichen Leiche in Chicago gemeldet bekommen und ich möchte das sie mich dorthin begleiten.“ Verdattert und mitleidig starrt sie ihn an: „Aber... Warum gerade ich?“ „Weil sie die einzigste Person sind, die ich kenne und der ich vertrauen kann, dass das ganze hier nicht publik wird. Außerdem habe ich Angst davor, alleine in dem Leichenschauhaus zu sein und meinen Vater eventuell zu identifizieren.“ Vermutlich hätte sich Alison alles Mögliche als Begründung vorstellen können, doch dass gerade sie, seine einzige Vertrauensperson sein soll, berührt sie tief. „In diesem Fall komme ich natürlich mit!“ presst sie hervor. Viele Dinge gehen ihr durch den Kopf: der Tod ihrer Mutter, das plötzliche Verschwinden von Sebastian und Mr. Micael Senior und natürlich dessen mögliches „Wiederauftauchen“. Auch der Gedanke, wie sie sich wohl fühlen würde, wenn man ihr das Auffinden der Leiche Sebastians mitteilt, kreist ihr im Kopf herum. Stunden später, Mr. Micael Junior und sie haben kaum noch ein Wort miteinander gewechselt, hält der Wagen an. Der Chauffeur hält ihnen die Tür auf, und sie stehen vor einem grauen Gebäude. Nachdem sie ein etwas älterer Herr in den Keller geführt hat, bleibt Alison vor der Türe stehen. „Soll ich wirklich mitkommen, Mr. Micael?“, fragt sie ein letztes Mal. „Nennen sie mich bitte Andrew und ja. Ich weiß zwar, dass ich nie sehr viel Interesse an ihrer Arbeit gezeigt habe, aber bitte stehen sie mir hier bei!“ Schwer schluckend folgt sie ihm. Auf dem Obduktionstisch liegt ein Mann, der ungefähr Mitte 60 und dessen Gesicht aufgequollen ist. „Können Sie ihn erkennen?“ Der ältere Mann von vorhin steht nun auf einmal neben ihnen. Mit belegter Stimme antwortet Andrew „Ich glaube schon.“ Alisons Herz steht still. „Onkel John!“ - „Was?“ fragen sie ein verwirrter Andrew und ein sehr erstaunter Gerichtsmediziner. „Das ist mein Onkel John, der Bruder meiner … meiner Mutter. Aber das ist nicht möglich. Bei unserem letzten Treffen war ich noch ein kleines Kind und er sagte meiner Mutter, dass er aus geschäftlichen Gründen nach Italien ziehen müsse. Seitdem haben wir ihn nie wieder gesehen.

„Sind sie sich sicher, dass es sich hier um ihren Onkel John handelt?“, fragte der Gerichtsmediziner verdutzt. Anscheinend rissen sich seine sonstigen „Besucher“ wohl nicht so um die Verwandtschaft mit den Opfern. „Das kann gar nicht sein, mein Vater hieß Samson J. Micael“ warf Andrew ein, bevor sie überhaupt die Möglichkeit eine Antwort zu geben hatte. Mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen, murmelte sie jedoch: „Mein Onkel hieß mit vollem Namen John Micael Samson …“
Natürlich wusste Alison schon früher, dass mit ihrem Onkel irgendetwas nicht gestimmt hatte und es mit ihm kein gutes Ende nehmen konnte. Denn mit jedem Jahr, welches sie älter wurde, stellten sich ihr auch immer mehr Fragen bezüglich seines Berufes. Doch damit, dass sie jahrelang für ihn gearbeitet hatte, ohne es zu wissen, war selbst sie nun ein wenig überfordert. Auch drängte sich in Allys Kopf der Gedanke auf, ob ihre Mutter eingeweiht gewesen war oder ob diese bis zu ihrem letzen Atemzug die Geschichte, mit dem „Geschäft in Italien“ wie sie es so gern bezeichnete, geglaubt hatte.
Inzwischen schien sich jedoch Mr. Micael sein ganz eigenes Bild der Situation gemacht zu haben und bestand darauf, einen Test durchzuführen, um die Verwandtschaft Alisons mit dem Toten zu beweisen.
Auch wenn sie lange nichts mehr von John gehört hatte, er war ein Teil ihrer Familie und alleine deswegen, vor allem aber für Andrews Gewissheit als für die ihre, wollte auch sie den genetischen Beweis haben.
Wegen Sparmaßnahmen im Labor, könnte die Auswertung der Ergebnisse jedoch ein paar Wochen dauern, warnte sie der alte Mann noch. Dies war beiden aber mehr als nur egal, da ihnen, auch wenn es für sie etwas makaber erschien etwas Derartiges laut auszusprechen, schließlich Mr. J. (eine Kompromisslösung für den Moment) nicht mehr davonlaufen könne. Auch schien Andrew den Tod seines Vaters weitaus besser zu verkraften als jener gedacht hatte.
Trotzdem landeten sie, kaum das sich die Limousine wieder auf Manhattaner Boden befand, in einer kleinen Jazz Bar, welche zum Schauplatz eines stilvollen Cocktail-Besäufnisses wurde.
Wäre da aber nicht der stetige Gedanke an eine eventuelle Verwandtschaft präsent gewesen, hätte wahrscheinlich auch Alison für nichts mehr garantieren können.

Die nächsten 2 Wochen liefen dann wieder vergleichsweise ruhig ab. Mr. Micael Junior zog, nach dem das Ablebens seines Vaters bekannt geworden war, einen eher zurückgezogenen Lebensstil vor und Ally empfand dies mehr als nur angenehm.
Aber Alison bemerkte, dass seit ihrem „Abstecher“ in Chicago mit Andrew, des Öfteren ein dunkelblauer Geländewagen in der Nähe ihres Appartements, des Verlages und sogar der neuen Salatbar die Carrey entdeckt hatte, auftauchte. Doch schließlich waren sie, die Amerikaner ja für diese Sorte von Autos bekannt, warum sollte also das alles nicht bloßer Zufall sein?


12. Dezember
Freitagnachmittag, gegen 16 Uhr:

Ally war gerade auf dem Weg zum Lift als ihr June mit ganz blassem Gesicht über den Weg lief. „Was für eine Laus ist dir den über die Leber gelaufen?“ begrüßte sie die Freundin. Doch bevor diese nur den Mund aufmachen konnte, fiel sie plötzlich um. „Oh mein Gott, ich brauche einen Arzt, holt sofort Hilfe!“ schrie Ally verzweifelt. Doch von ihrem Stockwerk waren die meisten Kollegen schon im Feierabend. Nach den ersten zwei Schrecksekunden hatte sie sich aber auch schon wieder soweit gefasst um June in die stabile Seitenlage zu bringen, irgendwie das Handy aus der Tasche zu holen und den Notarzt zu rufen. Verzweifelt wartete sie nun auf das Geräusch von Rettungswagensirenen. Nach geschlagenen 20 Minuten und einer für diese Uhrzeit großen Traube von anwesenden Mitarbeitern, die sich das Drama nicht entgehen lassen wollten, saß Alison neben ihrer Freundin, welche in eine Tragbare fixiert wurde, im Krankenwagen. „Ist Miss Alasky alkohol- bzw. drogenabhängig oder gar schwanger?“ „Natürlich nicht!“ gab sie sofort zurück und überlegte sich, ob es nur ein Zufall war oder der Notarzt bewusst Schwangerschaft mit Suchtkrankheiten gleich gestellt hatte. „Sind sie sich sicher was den letzteren Umstand betrifft? Alle Anzeichen deuten nämlich auf eine verfrühte Geburt hin.“ Konnte das sein, würde June eine Schwangerschaft, sofern sie selbst davon gewusst hatte, vor ihnen geheim halten? Obwohl, ein wenig war sie in letzter Zeit schon verändert gewesen. Nicht nur das ihr Kleidungsstil von eng & knallig auf weit & eher gedeckte Farben gewechselt hatte, sie war als einzigste von Sebastians Verschwinden nicht sonderlich überrascht dafür aber sehr traurig gewesen. Anfangs dachte Ally jedoch, dass dieses Trauer als Reaktion und Mitleid für die vielen Dinge, die gerade in ihrem Leben schief gegangen waren, gelten sollte, doch konnte dies nun vielleicht alles zusammenhängen? „Was die Schwangerschaft betrifft, ich bin mir nicht ganz sicher aber Drogen hat sie 100%ig keine genommen und ihr Alkoholkonsum hielt sich in Grenzen und ging in letzter Zeit sogar … zurück.“ Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Alles schien für sie auf einmal ganz klar zu werden und ein hässliches Bild machte sich in ihrem Kopf breit. Alison wusste auf alle Fälle, dass sie sofort aus diesem Krankenwagen raus musste, bevor sie etwas Dummes tun würde. Wenige Minuten später wurden ihre Gebete auch schon erhöht und ehe sie sich versah, saß sie auf einem Stuhl im Wartebereich des Notoperationssaales. Falls sie eins und eins richtig zusammengezählt hatte, beschloss sie, würde sie keine Träne um das nun, definitiv vorhandene Baby, welches sich laut weiteren Angaben des Arztes in Lebensgefahr befand, weinen. Wie konnte June ihr das nur angetan haben? Ganze drei qualvolle Stunden später, kam der Arzt aus dem Saal und meinte nur: „Ihre Freundin ist über den Berg und wird im Laufe der nächsten Stunden schon wieder zu Bewusstsein kommen.“ – „Und was ist mit… dem… Sie wissen schon…?“, Alison konnte und wollte das Wort nicht aussprechen. „Das Baby? Es hat ebenfalls das Schlimmste hinter sich, jedoch musste es auf die Intensivstation zur ständigen Überwachung gebracht werden. Ihre Freundin war nach unserem Erachten erst Ende des 6. mit viel Glück Anfang des 7. Monates. Jedoch haben sie und der Kleine anscheinend einen Schutzengel gehabt.“